Mit Muskelarbeit gegen die Gier
Der DGB veranstaltet einen Kapitalismuskongress und ruft zu einer Grossdemonstration
auf. Doch auch in der Krise träumen die Gewerkschaften weiterhin vom
„Markt für die Menschen“.
Von Lothar Galow-Bergemann
In der Marktwirtschaft gilt das eherne Gesetz des Äquivalententausches:
Was gibst du mir, was gebe ich dir? Die Waren werden zu einem bestimmten
Wert getauscht. Schon Karl Marx hatte seine liebe Not damit, diesen Sachverhalt
Leuten klarzumachen, die zutiefst davon überzeugt waren, der Kapitalismus
beruhe auf Betrug. Wenn in Zeiten der mikroelektronischen Ausweitung der
Produktivkraft immer größere Warenberge immer weniger Arbeit erfordern
und folglich den auf Lohneinkünfte Angewiesenen die Löhne flöten
gehen, ohne dass eine Alternative zum Lohnsystem in Sicht wäre, so lässt
sich zwar mit Fug und Recht von beschissenen Zuständen reden. Aber Beschiss
ist deswegen noch lange nicht im Spiel, handelt es sich doch um einen in
der kapitalistischen Logik durchaus gerechten Äquivalententausch: Denn
– so will es nun mal der Markt – wer nichts Brauchbares zu bieten hat, darf
er auch nicht erwarten, etwas zu bekommen. Der gemeine oder von seinem Gefühl
gesteuerte Antikapitalist hingegen glaubt innig daran, man könne den
»betrügerischen Kapitalismus« in eine »menschliche
Marktwirtschaft« verzaubern, ginge es nur endlich »gerecht«
zu.
Auch der DGB-Vorsitzende Michael Sommer hängt diesem Irrglauben an.
»Der Markt ist für die Menschen da«, überschrieb er
jüngst einen Gastkommentar in der Financial Times Deutschland und warb
dort auch gleich um »neue Werte für unternehmerisches Handeln«
und dafür, »dass nachhaltiges, Beschäftigung schaffendes
und ökologisches Wirtschaften kurzfristige Renditeerwartungen ersetzt«.
Dafür müsse »ein starker Staat« sorgen. Wer solche
Ausführungen gutheißt, wird den »Kapitalismuskongress«,
den der DGB für Mitte Mai angekündigt hat, sicher kaum noch erwarten
können. Ein Blick in das Programm bestätigt jedenfalls alle Befürchtungen.
Um »Verantwortung statt Gier« und »Investition statt Spekulation«
soll es dort gehen. Das lässt Analysen erwarten, die denen von Sommer
an Tiefgründigkeit durchaus in nichts nachstehen dürften.
Mancher war trotzdem überrascht, als Sommer in der vergangenen Woche
mit der Warnung vor »sozialen Unruhen« Schlagzeilen machte. Dabei
waren die vermeintlich aufmüpfigen Worte des DGB-Vorsitzenden nicht
neu. Bereits Ende März hatte er in der Wirtschaftswoche gewarnt: »Das
soziale Klima kann sich sehr schnell drehen. (…) Die Gewerkschaften können
auch anders.« Indes besteht kein Grund, Sommers Worte als »Aufstachelung
zum Klassenkampf« zu interpretieren. Der bekennende Anhänger der
Marktwirtschaft sorgt sich wohl eher, die Stimmung an der Basis könne
irgendwann der Kontrolle entgleiten. Und die hektischen Reaktionen aus Politik
und Medien, in denen jeden Tag aufs Neue betont wird, wie absurd Sommers
Prognose sei, machen auch den Dümmsten darauf aufmerksam, dass der DGB-Vorsitzende
mit dieser Sorge keineswegs allein steht.
Doch es handelt sich eher um präventive Überlegungen. Selbst wenn
die Gewerkschaften wirklich anders wollten – wofür es herzlich wenig
Anzeichen gibt – bliebe fraglich, ob sie es denn überhaupt könnten.
Bisher jedenfalls verhalten sich die deutschen Lohnempfängerinnen und
Lohnempfänger wie gewohnt und machen es ihrer Führung leicht. Ob
Gewerkschaftsmitglied oder nicht, an der Basis ist es ruhig, die herrschende
Krisenbewältigungsstrategie heißt: wegducken und ignorieren.
Diese Erfahrung mussten auch diejenigen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter
machen, die Ende März zu zwei Demonstrationen in Berlin und Frankfurt
am Main aufgerufen hatten. Zieht man von den etwa 55000 Teilnehmern (andere
Schätzungen lagen teils deutlich unter dieser Zahl) alle ab, die von
Attac bis zur Interventionistischen Linken dabei waren, so können die
Demonstrationen kaum als Zeichen eines verbreiteten Kampfeswillens gedeutet
werden. Sollte dieser jedoch wirklich einmal erwachen, muss er keineswegs
zu begrüßen sein. Zwar waren auf den Demonstrationen mit der platten
Losung »Wir zahlen nicht für eure Krise« durchaus auch Stimmen
zu vernehmen, die darauf verwiesen, dass weder gierige Manager noch die USA
schuld an der Krise seien, sondern vielmehr die Marktwirtschaft selbst die
Ursache sei. Aber in vielen laut beklatschten Reden wimmelte es von Heuschrecken,
Ackermännern, Zumwinkels, Zetsches und Schaefflers, die als »Täter«,
»Umverteilungswölfe« und »Brandstifter« ausgemacht
wurden.
»Die Profiteure sollen zahlen«, lautet eine beliebte Parole,
die auch am 16.Mai zu hören sein wird, wenn der DGB im Rahmen eines
europäischen Aktionstags zu einer bundesweiten Demonstration in Berlin
lädt. Zwar liegt auf der Hand, dass man die gigantischen Summen, die
die Krisenverwalter aufbringen, selbst mit sämtlichen Managerboni der
Welt nicht annähernd bezahlen kann. Aber auch in den Gewerkschaften
sitzt der Glaube tief, dass sich die Krise des Kapitalismus mit den Mitteln
des Kapitalismus lösen lässt.
Ein anderer Glaubenssatz lautet, das Leben müsse und könne »nach
der Krise« so weitergehen wie bisher. Niemand kommt auf den Gedanken,
man könne sich vielleicht sogar ein besseres Leben machen. Losungen
wie »Nie wieder Vollzeit arbeiten« oder »Schön, dass
weniger Autos produziert werden« sucht man bisher jedenfalls vergeblich.
Und nicht auszuschließen ist das Aufkommen eines Volkszorns, dessen
Protagonisten nicht etwa das gute Leben für alle verlangen, sondern
mit Schaum vor dem Mund einfordern, dass »die da oben« ebenfalls
den Gürtel enger schnallen sollen. Dabei wäre es gerade derzeit
bitter nötig, für umfassende Arbeitszeitverkürzungen, gegen
die Rente mit 67 und für Mindestlöhne zu kämpfen.
Doch es tut sich hin und wieder auch Ermutigendes in den Gewerkschaften.
Exemplarisch dafür ist der Streit um das ursprünglich von Sommer
und anderen Funktionären zur »optionalen Verwendung« empfohlene
Plakat zum 1. Mai: Auf diesem wurde dazu aufgefordert, »1a deutsche
Muskelarbeit« gegen einen billigen »EU-Sonderpreis« zu
verteidigen. Nach Protesten aus verschiedenen Gewerkschaftsgliederungen musste
das Plakat zurückgezogen werden. Dass es anders geht, zeigt die Verdi-Jugend:
Ihr Flugblatt mit dem Titel »Zur Lage des Systems« kommt tatsächlich
nicht nur ohne Personalisierungen und »Heuschrecken« aus. Denjenigen,
die »Schuldige« suchen, wird sogar bescheinigt, auf »dem
Holzweg« zu sein. Und anders als Sommer halten die Autoren »die
Zeit für eine andere Gesellschaft« als die kapitalistische für
reif.
in: Jungle World, 30.4.2009


