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Sekundärer Antisemitismus – ein Erklärungsansatz für Israel-Feindschaft in der Linken?

Vortrag von Olaf Kistenmacher

Als „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet die Kritische Theorie eine Judenfeindschaft, die erst nach 1945 entstanden ist. Dieser Erklärungsansatz wird oft für den Antisemitismus in der politischen Linken herangezogen, denn er benennt die besonderen Motive, die gerade nach 1945 für eine antifaschistische Linke zentral sind: Um Schuldgefühle abzuwehren, setzten radikale Linke die Politik des Staates Israel mit der Shoah gleich.
Doch dieser Ansatz kann nicht die Vorgeschichte des linken Antizionismus erklären: Bereits Ende der 1920er Jahre setzte die KPD den Zionismus mit dem Nationalsozialismus gleich, während sie andere Nationalbewegungen unterstützte. Ihre Tageszeitung "Die Rote Fahne" befürwortete 1929 ein Pogrom in Palästina, das über zwei Wochen andauerte und bei dem über hundert Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Zur gleichen Zeit stellten andere Artikel "Juden" als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse und als Unterstützer der NSDAP dar. Überschriften in der "Roten Fahne" lauteten in den Jahren "Das Dritte Reich schützt die jüdischen Warenhäuser" (1930), "Hitler proklamiert Rettung der reichen Juden" (1931) oder "Nazis für jüdisches Kapital" (1932). Dieser Antisemitismus war mit der gleichzeitigen Ablehnung von Judenfeindschaft insofern vereinbar, als die kommunistische Bewegung Judenhass als "Sozialismus der dummen Kerls" deutete. Diese Deutung implizierte aber, an der Vorstellung festzuhalten, "Juden" stünden tatsächlich auf der Seite des Kapitals – und der Zionismus wäre der "Kettenhund des Imperialismus" im Nahen Osten, wie die "Rote Fahne" 1925 verlautbarte.

Olaf Kistenmacher, Hamburg, ist Historiker.
Neuere Veröffentlichungen:

  • Klassenkämpfer wider Willen. Die KPD und der Antisemitismus in der Weimarer Republik, Jungle World 28, 14. Juli 2011.
  • "Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda". Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich: Georg Olms 2010, S. 97-112.



veranstaltet im Rahmen der Aktionswochen 2011 gegen Antisemitismus - Schwerpunkt Israelfeindschaft der Amadeu Antonio Stiftung von

Thementage gegen Antisemitismus in Freiburg

9/11 und der Hass auf Israel

Workshops, Vorträge, Dikussionen mit Classless Kulla, Katharina König, Leo Elsner, Alex Feuerherdt, Tilman Tarach, Stephan Grigat, Emanzipation und Frieden

Emanzipation und Frieden im Radio - UKW 99,2

Nächste Sendung: am Freitag 27. Mai, 18 Uhr zu 1. Politically Incorrect. Ein Gespräch mit Lucius Teidelbaum, Historiker und Experte für die extreme Rechte, Tübingen, 2. Antimuslimisches Ressentiment. Ein Beitrag von Lothar Galow-Bergemann und Markus Mersault


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