Für oder gegen die
Existenz
Israels ?
Beiträge zu einer notwendigen Debatte
in der Linken und der Friedensbewegung
am Beispiel einer Auseinandersetzung mit dem Palästina-Komitee
Stuttgart
Warum ein Nein zum Antisemitismus keines ist, solange es kein Ja zu Israel ist und warum ein Ja zu Israel noch lange kein Ja zur israelischen Politik sein muss
im pdf zusätzlich (Anhang):
Beobachtet auf der Kundgebung des Palästinakomitees Stuttgart am 28.9.2002
Gedanken zur Antwort des Palästina-Komitees an uns
(„Gegen Rassismus überall!“, 25.10.02)
Für oder gegen die Existenz Israels?
Warum ein Nein zum Antisemitismus keines ist, solange es kein Ja zu
Israel ist
und warum ein Ja zu Israel noch lange kein Ja zur israelischen Politik
sein muss.
Man kann bewusster Nationalist sein. Man kann aber auch
nationalistische Raster und
Stereotype draufhaben und trotzdem glauben, man sei absolut frei davon.
Man kann
bewusster Rassist sein. Man kann aber auch rassistische Raster und
Stereotype draufhaben
und trotzdem glauben, man habe nichts damit am Hut. Man(n) kann
bewusster Sexist sein.
Man kann aber auch sexistische Raster und Stereotype draufhaben und
gleichzeitig zutiefst
davon überzeugt sein, das sei alles nur ein Problem von irgendwelchen
anderen. Warum
sollte es sich mit dem Antisemitismus anders verhalten?
Dass die Leute vom Palästina-Komitee zur Beseitigung Israels aufrufen,
den
Selbstmordterror der Hamas, Al-Aksa-Brigaden u.a. verteidigen und dabei
allen Ernstes
behaupten, auf ihrer Kundgebung sei „kein einziges antisemitisches
Wort“ gefallen, ist eine
beachtliche Verdrängungsleistung. Es bestätigt erneut die Notwendigkeit
einer Debatte in
der Linken und Friedensbewegung über den Charakter des Antisemitismus,
darüber, wie er
sich heute, nach der Shoah, äußert, sowie über die Konsequenzen, die
daraus zu ziehen
sind, insbesondere im Hinblick auf Israel.
Im Folgenden unser Standpunkt in Stichpunkten, notwendigerweise in
Teilen verkürzt.
Der eliminatorische Charakter des
Antisemitismus
Antisemitismus ist ein kollektives Wahnsystem, eine Projektion. Die
Juden gelten ihm als
das personifizierte Böse dieser Welt; er will sie deswegen beseitigen.
Während „normaler“
Rassismus i.d.R. „nur“ unterdrücken, beherrschen, ausbeuten,
erniedrigen, entrechten will,
ist Antisemitismus in letzter Konsequenz auf Vernichtung aus.
Antisemitismus gab es
bereits in vorkapitalistischer Zeit, aber im Kapitalismus erhielt er
qualitativ neue
Entfaltungsmöglichkeiten. Die abstrakte Anonymität der
warenproduzierenden Gesellschaft
ist dem Alltagsbewusstsein unheimlich. Zins, Kredit, Finanzkapital,
„das große Geld“, die
Börsenspekulation – all das „regiert“ die Menschen und scheint doch
undurchschaubarer als
jedes andere Herrschaftssystem. Da das Alltagsbewusstsein aber
gleichzeitig nicht in der
Lage ist, den Horizont der von ihm als „naturgegeben“ geglaubten
Warenproduktion zu
überschreiten, gebiert es spontan eine oberflächliche
„Kapitalismuskritik“. Diese glaubt,
zwischen (vermeintlich) „positiver“ Produktionssphäre und
(vermeintlich) „negativer“
Zirkulationssphäre trennen zu können. „Schuld“ sind dann „die
Spekulanten, die Bankiers,
das Finanzkapital“ usw., die „uns“ um die Früchte „unserer ehrlichen
Arbeit“ prellen. Der
Antisemitismus, der die Juden aus historischen Gründen schon immer mit
der
Zirkulationssphäre identifiziert hat, ist wie geschaffen dafür, um sich
mit dieser Art
„Antikapitalismus“ zu verbandeln. Aus dieser Kombination entsteht immer
wieder ein
mörderisches Gebräu. Unter den Deutschen, wo sich historisch u.a. ein
besonders
ausgeprägter Arbeits-Wahn entwickelt hatte, wuchs sich das zum
antisemitischen
Vernichtungswahn der Shoah aus, dem bis heute fürchterlichsten
Menschheitsverbrechen.
Nicht umsonst steht über dem Eingangstor des KZ Auschwitz der Satz
„Arbeit macht frei“.
Der deutsche Massenmord an den Juden entzieht sich traditionellen
linken
„zweckrationalen“ Erklärungsversuchen. Weder unter dem Gesichtspunkt
der Profitmacherei
noch unter dem der imperialistischen Expansion macht es Sinn, dass in
den Jahren größter
deutscher Kriegsanstrengung sechs Millionen dringend benötigter
potentieller Arbeitssklaven
vernichtet werden, dass erhebliche Kapazitäten der Reichsbahn der
Kriegsmaschinerie
entzogen und für die Organisation des Holocaust eingesetzt werden.
Antisemitismus tendiert
zum kollektiven VernichtungsWAHN.
Israel – eine Konsequenz aus
Antisemitismus und Shoah
Antisemitismus ist alles andere als ein „Thema von gestern“, auch wenn
das einige Linke
selbst nach der „Möllemann-Debatte“ immer noch glauben. Solange es
Antisemitismus und
Kapitalismus gibt, kann sich Auschwitz wiederholen. Wenn Juden
tendenziell von
Vernichtung bedroht sind, eben weil sie Juden sind, so braucht es
zunächst einmal
folgendes: weltweite Solidarität mit den Juden, weltweiten Kampf gegen
Antisemitismus. Da
ist gerade die Linke gefordert – und sie versagt leider auffällig.
Nicht alle Juden, aber ein
beachtlicher Teil von ihnen hat sich schon lange nicht mehr auf eine
zweifelhafte Solidarität
oder „Toleranz“ verlassen und deshalb die Konsequenz gezogen, dass es
einen Ort geben
muss, wo Juden sicher vor antisemitischer Verfolgung leben können. Nach
der Erfahrung
der Shoah ist der Anteil der Juden, der diese Konsequenz gezogen hat,
noch einmal sehr
stark gestiegen. Israel ist nicht gleich „die Juden“, aber seine
Existenzberechtigung ergibt
sich zwangsläufig aus dem Antisemitismus, besonders aus der Shoah.
„Dort darf man Jude
sein, ohne sich zu verstecken. Es ist das einzige Land der Welt, wo es
so ist. Es ist eben
das Land der Juden. Gegründet von Juden. Das ist eine
Selbstverständlichkeit. Das ist
etwas, was für mich sehr beruhigend ist.“ (zit. n. V.v. Wroblewsky,
Berlin 2001) Wer wollte
einem jüdischen Menschen diese Sätze absprechen?
Viele Linke bekennen sich (anders als das Palästina-Komitee) zum
Existenzrecht Israels.
Wir selbst gehören zu denen, die das schon immer vertreten haben.
Allerdings mussten wir
einsehen, dass wir nicht genügend bedacht hatten, welche Konsequenz
sich daraus ergibt:
Israel macht nur Sinn als jüdischer Staat, jedenfalls als Staat, der in
der Mehrheit von
Menschen getragen wird, die sich als Juden verstehen. Solange sich die
Shoah wiederholen
kann, solange es Antisemitismus und Kapitalismus, folglich auch Staaten
gibt, haben Juden
ein Recht auf einen Staat, in dem sie sicher leben können. Was wir an
jedem anderen Staat
als nationalistisch und unerträglich verurteilen, nämlich, dass er sich
als „französisch“,
„türkisch“, „russisch“ oder gar „deutsch“ definiert, müssen wir im
Falle des
Selbstverständnisses Israels als „jüdisch“ akzeptieren. Dieser,
zugegebenermaßen, andere
Maßstab, den wir an Israel anlegen, folgt zwingend aus der real
existierenden besonderen
Lage der Juden aufgrund des antisemitischen Vernichtungswahns. Aus
dieser
Sonderbehandlung folgt jedoch keineswegs, dass Israel, wie oft – und
gerade von
antisemitischer Seite - unterstellt, nun etwa eine Art „Freibrief“
erhielte, „zu machen, was es
will“. Aber aus der Existenzberechtigung eines jüdischen Staates folgt
selbstredend eine
Fülle von Widersprüchen. Schlimmerweise betraf und betrifft das konkret
in erster Linie nicht
diejenigen, die den Holocaust zu verantworten haben, sondern die
Menschen in Palästina.
Das Leid der PalästinenserInnen -
und die Deutschen sind fein raus?
Die Frage der PalästinenserInnen: “Was haben wir denn getan, dass
ausgerechnet wir unter
der Bildung des jüdischen Staates leiden mussten und müssen?“ halten
wir für berechtigt
und nachvollziehbar. Dass die Menschen in Palästina auch über ein
halbes Jahrhundert
nach der israelischen Staatsgründung heute noch so viel leiden, ist
u.E. jedoch nicht allein
auf die Politik Israels zurückzuführen, sondern auch auf die ihrer
eigenen Führung, ihrer
arabischen angeblichen „Freunde“ und verschiedener Großmächte sowie
insbesondere
auch auf die fatale Entwicklungstendenz der kapitalistischen
Weltwirtschaft, die immer mehr
„abgehängte Gebiete“ produziert. Wir kritisieren Israels Besatzungs-
und Siedlungspolitik
und seinen Militärterror gegen die palästinensische Zivilbevölkerung,
wir treten für den
Rückzug auf die Grenzen von 1967 und für die Gründung eines souveränen
palästinensischen Staates ein. Uns interessiert in diesem Zusammenhang
aber in erster
Linie etwas ganz anderes, über das leider kaum gesprochen wird, auch
nicht in der
Friedensbewegung:
Die Deutschen hatten sich während des Holocaust bis auf ganz wenige
Ausnahmen als
willige Vollstrecker oder Wegseher geoutet. Wäre es wenigstens nach
1945 mit rechten
Dingen zugegangen, so wären sie in die Antarktis ausgesiedelt und den
Juden das nunmehr
unbesiedelte Land in Mitteleuropa angeboten worden. (Ob die das Angebot
angenommen
hätten, ist mehr als fraglich, aber es hätte sich gehört.) Es ist
unerträglich, dass die
Menschen in Palästina nun schon ein halbes Jahrhundert lang ausbaden
müssen, dass das
nicht geschehen ist.
Es gibt Konflikte, wo man sich auf eine Seite stellen muss und
Konflikte, wo man sich auf
keine Seite stellen kann. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist
einer, wo man sich auf
beide Seiten stellen muss. Für den sicheren jüdischen Staat und dafür,
dass die Menschen
in Palästina endlich in Frieden und unter menschenwürdigen Bedingungen
leben können.
Noch komplizierter und herausfordernder wird die Sache jedoch durch den
in unseren Augen
besonders unerträglichen Umstand, dass ausgerechnet die Deutschen bei
der ganzen
Sache bis heute fein raus sind. Auch wenn die Tätergenerationen im
wesentlichen
abgetreten sind, so haben doch auch und gerade die Nachgeborenen davon
profitiert, dass
Deutschland nur scheinbar und nur vorübergehend den Krieg verloren hat
und keine
wirklichen Konsequenzen aus dem Holocaust zu tragen hatte. Was folgt
aus alledem für die
Deutschen? Für die Linke? Für die Friedensbewegung? Wir vermissen
darüber
Diskussionen.
Hier ein Diskussionsangebot: Alle Deutschen liefern ein Jahr lang alles
von ihrem
Einkommen ab, was das durchschnittliche Jahreseinkommen einer
Palästinenserin
übersteigt. Das Geld wird für Aufbauarbeit in Palästina und Israel
verwandt. Damit
Deutschland nicht auch noch politisches Kapital aus der Aktion schlagen
kann, haben die
Deutschen lediglich zu zahlen, verwaltet und organisiert wird die ganze
Aktion von den vier
Hauptmächten der ehemaligen Antihitlerkoalition Russland, USA,
Großbritannien und
Frankreich.
„Die Deutschen werden den Juden
Auschwitz nie verzeihen“
Der Antisemitismus existiert auch nach der Shoah weiter. Sein
mainstream hat jedoch,
zumindest in Deutschland, schon sehr früh auf das geachtet, was man
heute political
correctness nennt. Was niemals irgendwer verlangt hat, phantasieren
sich die Deutschen
zusammen: Man dürfe ja nichts gegen die Juden sagen. Die wenigsten
trauten sich
deswegen bisher, öffentlich „schlecht über die Juden zu reden“, auch
wenn viele in
antisemitischen Stereotypen denken: „Die Juden sind raffgierig, hauen
einem übers Ohr,
haben zuviel Macht über die Medien und die öffentliche Meinung, haben
eine viel zu starke
Lobby in den USA, nutzen den Holocaust aus, um ihre Ziele
durchzusetzen, sind selber dran
schuld, wenn man was gegen sie hat“ usw. usf.
Zwei Besonderheiten prägen den Antisemitismus nach der Shoah:
• er versteckt sich heute mit Vorliebe hinter der Kritik an Israel und
• er bringt die Juden und Israel immer wieder in die Nähe der deutschen
Verbrechen,
unterstellt ihnen, offen oder versteckt, „das Gleiche zu machen wie die
Nazis“.
Die Ziele der Übung sind klar: die Relativierung der deutschen
Verbrechen und, „es den
Juden heimzuzahlen“, dass sie einem allein durch ihre Existenz
permanent an „die deutsche
Vergangenheit“ erinnern, die man doch so gerne wegwischen will. Der
israelische
Psychoanalytiker Zvi Rex hat dafür den Satz geprägt: „Die Deutschen
werden den Juden
Auschwitz nie verzeihen.“ Wir haben diesen Verdrängungs- und
Abwehrmechanismus
anhand des unsäglichen Plakates auf der Kundgebung („Ist es das, was
Juden aus dem
2.Weltkrieg lernten?“) dargestellt. Dass die Leute vom Palästinakomitee
darauf mit keinem
Wort eingehen, zeigt, dass sie noch nicht verstanden haben. Sie glauben
immer noch, wo
niemand „schlecht über die Juden redet“, sei auch kein Antisemitismus.
Nur so können wir
uns erklären, dass sie sagen: „Antisemitisch wäre es z.B. gewesen,
Sharon nicht als
‚Mörder’, sondern als ‚jüdischen Mörder’ zu bezeichnen.“ Sie verstehen
offensichtlich nicht,
dass es antisemitisch ist, wenn sie sagen, Sharon sei ein Faschist.
Antisemitisch ist es auch,
wenn sie vom israelischen „Völkermord“ an den PalästinenserInnen reden
und Israel auch
damit in die Nähe der deutschen Verbrechen bringen. Die uns bekannten
Zahlenangaben
über die Opfer seit Beginn der Zweiten Intifada schwanken zwischen 568
und 1500
Palästinensern sowie 452 und 900 Israelis. Auch wenn nur die geringsten
Zahlen zuträfen,
so ist doch jedes einzelne Opfer eines zuviel. Und auch wenn die
höchsten Zahlen zuträfen:
Völkermord ist etwas anderes. Die Zahlenangaben über die Opfer des
Massakers von
Sabra und Schatila, das 1982 unter den Augen der israelischen Armee
geschah, schwanken
zwischen 800 und 3000. Im Jahr 1970 fand das bisher größte Massaker an
PalästinenserInnen mit 25 000 Toten statt, organisiert von ihren
jordanischen „Freunden“.
Ist es dem Palästina-Komitee jemals eingefallen, in diesem Zusammenhang
von
„Völkermord“ zu sprechen? Warum fällt es ihm bei Israel ein?
Möllemänner und -frauen wohin man
blickt
Das Interessanteste – und Erschreckendste – an der
„Möllemann/Karsli-Affäre“ waren die
Leserbriefseiten. Sie offenbarten nicht nur, dass massenhaft
Antisemitisches in den Köpfen
ist, sondern auch, dass sich zunehmend getraut wird, das nicht mehr
anonym, sondern mit
Namen und Adresse zu sagen. Nach einer Umfrage der Uni Leipzig vom Juni
2002 können
es 36% der Deutschen „gut verstehen, dass manchen Leuten Juden
unangenehm sind“. Der
Aussage „auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ stimmen
31% der
Westdeutschen zu (vor vier Jahren waren es noch 17%). Bei den meisten
Wahlauswertungen ging leider unter, dass Möllemanns Strategie durchaus
nicht erfolglos
war. Das beste Ergebnis erzielte die FDP in NRW mit 9,3 % oder absolut
200.000 Stimmen
mehr. Das Kalkül, mit Antisemitismus Wählerstimmen zu gewinnen, geht
also durchaus auf.
Und wie sich der Antisemitismus hinter der Kritik an der israelischen
Politik verschanzt,
haben Karsli/Möllemann anschaulich vorgeführt, ihr Publikum in den
Leserbriefspalten hat
den Ball johlend aufgenommen. Das alles ist keine Randerscheinung, es
läuft im Zentrum
der Gesellschaft ab. Walsers üble Paulskirchenrede mit der
"Auschwitzkeule" war ein
"Tabubruch", der dem Möllemann'schen vorausging. Da hat die feine Mitte
der Gesellschaft
mit stehenden Ovationen ihren Nationaldichter gefeiert. In wie vielen
Köpfen ist das: „Wir
dürfen nichts sagen gegen die Juden, denn sie kontrollieren die Medien
und die öffentliche
Meinung, aber die gehässigen Juden sind selbst schuld am
Antisemitismus, sie ziehen ihre
unsichtbaren Fäden in der ganzen Welt, wir sind eine ganz normale
Nation, lasst uns in
Ruhe, die Juden sind ja auch nicht besser, schaut doch nur nach Israel,
die machen’s doch
auch wie die Nazis, der Selbstmordterror ist doch gerechtfertigt“ usw.
Möllemann hat zwar
ein paar taktische Fehler gemacht, aber er hat all das transportiert
und wird deswegen von
der deutschen Volksseele als „mutiger Tabubrecher“ gefeiert.
Leider gibt es immer noch Linke, die glauben, Antisemitismus sei kein
aktuelles Problem.
Mehr noch – der Satz „Möllemann hat ja schließlich auch viel Richtiges
gesagt“ ist sogar von
Linken zu hören. Solange das der Fall ist, ist die Diskussion in der
Linken nicht beendet.
Die Existenz Israels ist nicht
gesichert
„Alle Imperialisten unterstützen Israel“ - wie das
Palästina-Komitee
meint - ist eine viel zu
vereinfachende Sicht. Auch die in der Linken verbreitete Ansicht, die
Existenz Israels sei „ja
sowieso“ sicher, lässt sich u.E. schwer mit einigen Tatsachen
vereinbaren. Zur Begründung
dieser These werden i.d.R. die militärische Überlegenheit Israels und
seine Unterstützung
durch die USA angeführt. Aber alle militärische Überlegenheit nutzt
letztendlich wenig, wenn
sich - so wie derzeit - die politischen Koordinaten verschieben. Zu
Zeiten des Kalten Krieges
war klar, dass die USA kaum eine andere Wahl hatten, als auf Israel zu
setzen. Aber heute?
Angenommen, es geht den USA wirklich ums Öl (und dafür spricht einiges,
wenn dies auch
nicht der alleinige Grund für ihre Politik in Nahost sein dürfte), dann
liegt die Frage auf der
Hand: Wie viele neue Freunde, die - anders als Israel - über jede Menge
Öl verfügen,
würden den USA zuwachsen, wenn sie Israel fallen ließen? Wir halten
solche
Befürchtungen in der israelischen Politik und Öffentlichkeit für
durchaus nachvollziehbar. Auf
jeden Fall gibt es nicht nur diejenige Tendenz in der US-Außenpolitik,
die auf Israel als
"Ordnungsmacht" im eigenen Interesse setzt. Es gibt auch eine andere,
nämlich die, Israel
"als Klotz am Bein" zu betrachten und diese Tendenz wird stärker. Umso
mehr übrigens, als
Deutschland/Europa genau das als offene Flanke der US-Außenpolitik
erkennt und in diese
Kerbe haut, um Einfluss gegenüber dem Konkurrenten zu gewinnen.
So gibt es gerade in der deutschen/europäischen Außenpolitik eben nicht
nur Militärhilfe
(wenn auch bereits faktisch ausgesetzt) und viele gute Worte für
Israel, sondern auch die
Finanzierung der Arafat-Behörde durch die EU. Und es wird nicht
verhindert, dass diese mit
dem Geld Schulbücher antisemitischen Inhalts drucken lässt. Dass sie
damit
Fernsehsendungen ausstrahlt, in denen offen zum Mord an den Juden
aufgerufen wird.
Dass sie möglicherweise sogar Gelder für die Finanzierung des
Selbstmordterrors davon
abzweigt (dazu läuft eine Untersuchung des Europaparlaments).
Deutsche/europäische
Außenpolitik pflegt gute Beziehungen zum Irak und zum Iran, die beide
die Beseitigung
Israels zum Staatsziel haben. Irakische Geheimdienstler wurden in
Deutschland ausgebildet.
Und vor allem: immer deutlicher wird der Versuch Deutschlands, sich
(neben einigen
anderen Gebieten, wie "Klimaschutz" und "Strafgerichtshof") auch auf
dem Feld "Nahost" mit
den USA anzulegen. Was selbstredend nur geht, wenn man eine
distanziertere Haltung zu
Israel als die USA anzubieten hat.
Will man die Sicherheit der Existenz Israels beurteilen, so verdient
auch die gezielte
Terrorstrategie gegenüber Israel besonderes Augenmerk. Denn sie ist
durchaus nicht ohne
Erfolg. Angst und Unsicherheit machen sich in Israel breit. Wenn der
Plan aufgehen sollte,
dass die jüdische Gesellschaft dem jüdischen Staat nicht mehr die
Schutzfunktion
gegenüber antisemitischer Verfolgung zutraut, dann ist Israel am Ende.
Das Palästina-Komitee macht sich zum Verbündeten dieser Strategie, wenn
es für das
„Verschwinden des reaktionären und undemokratischen Staates Israel“
eintritt. Warum fällt
ihm das eigentlich nicht zu Staaten wie Irak, Iran und Saudiarabien
ein, von denen jeder
einzelne wesentlich mehr Menschenleben auf dem Gewissen hat als Israel?
Die
nachgeschobene Rede von einem „sozialistischen Staat, in dem alle
friedlich
zusammenleben“ bleibt wenig überzeugend, solange sie auffälligerweise
nur auf Israel
bezogen wird. Sie ist unrealistisch, nicht nur weil auch in Nahost die
Zeichen der Zeit auf
alles andere als auf Sozialismus stehen, sondern auch, weil allein
schon der über
Jahrzehnte angestaute gegenseitige Hass auf absehbare Zeit ein
Zusammenleben in einem
gemeinsamen Staat unmöglich machen würde. Direkt heuchlerisch wird
diese Rede jedoch,
wenn sie mit der Unterstützung des antisemitischen Selbstmordterrors
einhergeht.
Das Ammenmärchen vom
Selbstmordterror „aus Verzweiflung“
Spätestens hier ist eine Auseinandersetzung mit der - von rechts bis
links -verbreiteten
Meinung angesagt, der Selbstmordterror geschehe „aus Verzweiflung und
Hoffnungslosigkeit“. Selbstredend operiert auch das Palästina-Komitee
mit dieser
Schablone. Mehr noch, es rechtfertigt den Selbstmordterror
ausdrücklich. Wie sonst sollte
man die Worte verstehen: „Wenn es bessere Mittel und Perspektiven gäbe,
würde kein
Mensch mehr sich und andere in die Luft sprengen.“ Woraus ja wohl
folgt, dass es,
zumindest derzeit, das beste Mittel ist…
Hier zunächst einmal einige Zitate, die Verbreitung verdienen:
• „Da wir Israel nicht im Krieg besiegen können, tun wir es in Phasen.
Wir nehmen so
viel Territorium von Palästina wie möglich und errichten unsere
Souveränität dort.
Dann benutzen wir es als Sprungbrett, um mehr zu nehmen. Wenn die Zeit
gekommen ist, können wir die arabischen Nationen auffordern, sich uns
beim
Endschlag gegen Israel anzuschließen.“ (Yassir Arafat am 13. 9. 1993,
dem Tag der
Unterzeichnung des ersten Osloer Vertrages, im jordanischen Fernsehen.)
• „Bei einem Symposium in Gaza bestätigte der palästinensische
Informationsminister
Imad Al-Falouji, dass die palästinensische Autonomiebehörde mit den
Vorbereitungen
für den Ausbruch der derzeitigen Intifada in dem Moment begonnen hatte,
in dem die
Gespräche von Camp David zu Ende gingen, und zwar nach Anweisungen, die
vom
Vorsitzenden Arafat persönlich erteilt wurden.“ (Al-Ayyam, halbamtliche
palästinensische Tageszeitung, 6.12.2000)
• „Kein Jude schreckt vor irgendeinem vorstellbaren Bösen zurück…Sie
sind alle
Lügner…Sie sind die Terroristen. Sie sind diejenigen, die geschlachtet
und getötet
werden müssen…Habt kein Mitleid mit den Juden, egal, wo ihr seid, in
welchem Land
auch immer. Bekämpft sie, wo immer ihr seid. Wo immer ihr sie trefft,
tötet sie.“
(Prediger Dr. Ahmed Abu Halabiya, Mitglied des von Arafats
Autonomiebehörde
ernannten Fatwa-Rates, Freitagsgebet 13.10. 2000, ausgestrahlt im
offiziellen
palästinensischen Fernsehen.)
• „Allah möge es geschehen lassen, dass die Moslems über die Juden
regieren. Wir
werden sie in die Luft sprengen in Hadera, in Tel-Aviv, in Netaniya im
Sinn der
Gerechtigkeit Allahs…Wir preisen die, die ihre Kinder zum Djihad und
zum
Märtyrertum erziehen. Gepriesen sei der, der eine Kugel in den Kopf
eines Juden
schießt.“ (Freitagsgebet, 4.8. 2001, ausgestrahlt im offiziellen
palästinensischen
Fernsehen.)
Saddam Hussein zahlt jeder „Märtyrerfamilie“ pro Selbstmordattentäter
25 000 US-$, was in
Palästina einem Lottogewinn gleichkommt. In den palästinensischen
Schulen und im
Kinderprogramm des Fernsehens wird vermittelt, wie glorreich ein Tod
als „Märtyrer“ ist.
Wegen Anschlägen verurteilte Hamas- und Djihad-Aktivisten werden von
der
Autonomiebehörde aus palästinensischen Gefängnissen freigelassen und
damit grünes Licht
für neue Anschläge gegeben. Hamas, Djihad und die Al-Aksa-Brigaden
kündigen
abwechselnd „Aktionen“ oder auch mal deren Aussetzung an.
Aus all dem folgt: Die Selbstmordattentate sind kein „spontaner
Aufschrei der verzweifelten
Massen“, sondern eine langfristig und generalstabsmäßig geplante
Strategie, die sich des
Judenhasses bedient und die ihn fördert. Warum sollte das israelische
Besatzungsregime
zur zwangsläufigen Folge haben, dass ein als ferngesteuerte Lenkwaffe
schrecklich
missbrauchter 17-Jähriger in einen Bus steigt oder in eine Disko geht
und sich selbst und
jede Menge Gleichaltrige in den Tod schickt? Welchen Sinn sollten
solche Aktionen haben,
wenn nicht den, möglichst viele Juden zu töten und Israel langfristig
zu zerstören?
Hier eine gewiss unverdächtige Stimme: In einem gemeinsamen
linksradikalen Projekt
jüdischer und arabischer Israelis, das sich „für das palästinensische
Volk, sein Recht auf
Unabhängigkeit und auf ein erfülltes Leben in seinem eigenen Land“
einsetzt, wird die zweite
Intifada wie folgt eingeschätzt: „Es war ein Aufstand gegen die Juden,
nicht gegen die
Besatzung. Das Ziel war, Angst und Schrecken unter den Juden zu
verbreiten, bis diese
irgendwie verschwinden würden. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden alle
Mittel als legitim
angesehen.“ (Magazin Challenge, No.72, August 2002,
http://www.hanitzotz.com/challenge/.
)
Einen Einblick in die Gedankenwelt islamistischer Selbstmordattentäter
gewährt übrigens
der derzeitige Al-Qaida-Prozess in Hamburg. Ein Zeuge stellte den
Angeklagten „als
radikalen Antisemiten und politischen Extremisten dar. In der Hamburger
Gruppe mehrerer
mutmaßlicher Al-Qaida-Terroristen sei es eine ‚einheitliche Anschauung’
gewesen, dass ‚die
Juden’ Medien und Wirtschaft beherrschten sowie die US-Regierung
kontrollierten…“
(Stuttgarter Zeitung, 13.11.02)
„Für uns ist ein Verbrechen ein Verbrechen“ sagt das Palästina-Komitee.
Warum verurteilt
es dann nicht die Selbstmordattentate?
Was für ein Anti-Imperialismus?
Hinter den Positionen des Palästina-Komitees scheint uns ein sehr
oberflächliches
Verständnis von Antiimperialismus zu stehen. Die Welt wird aufgeteilt
in die Imperialisten -
allen voran die USA und ihren Helfershelfer Israel – und in den Rest
der Welt, der von den
Imperialisten ausgebeutet und unterdrückt wird. Zum Beispiel Irak. Dazu
weiß man nur zu
sagen, dass „dort auch Menschen ausgebeutet und unterdrückt“ werden.
Dass das Saddam-
Hussein-Regime derzeit eines der übelsten Regimes überhaupt ist, das
nur wenig
seinesgleichen hat, geht in einer solchen „Analyse“ selbstredend unter.
Zur Erinnerung eine
unvollständige Liste: Angriffskrieg gegen den Iran, ca. 1 Million Tote
- ca. 180 000 Kurden
ermordet oder zum Verdursten in die Wüste verschleppt – 5000 Tote bei
Giftgas-Angriff auf
Halabja – Einmarsch in Kuwait – 150 000 Tote bei Niederschlagung des
Volksaufstands
1991 – Zwangsumsiedlungen von über 600 000 Menschen – allein seit 1997
Hinrichtung von
4000 Menschen, Enthauptung von ca. 1000 Frauen aus oppositionellen
Familien unter dem
Deckmantel des Kampfes gegen die Prostitution – Herausschneiden der
Zunge wegen
Verleumdung des Präsidenten… Das alles ist doch wohl ein bisschen mehr
als „auch
Menschen ausbeuten und unterdrücken.“ Dass es auch wesentlich mehr ist
als all das, was
Israel jemals – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – vorgeworfen wurde, sei
hier nur am
Rande vermerkt. Die Frage, wie interessant für die Leute vom
Palästina-Komitee der Kampf
gegen diese Regime ist - wo doch für sie „ein Verbrechen ein Verbrechen
ist“ - halten wir
unsererseits allerdings für interessant. Saddam Hussein hat schon
einmal Raketen auf Israel
abgefeuert und das auch für die Zukunft angedroht, er gehört zu den
Finanziers des
antisemitischen Selbstmordterrors. Warum die auffällige Zurückhaltung
ihm gegenüber?
Wir sind gegen den drohenden Krieg, den die USA und ihre Verbündeten im
Irak führen
wollen, denn er würde hunderttausenden Menschen Tod, Leid und Elend
bringen. Aber aus
genau den gleichen Gründen sind wir auch für den Sturz des
Saddam-Regimes und für die
Unterstützung der irakischen Opposition. Wir glauben, dass diejenigen,
die den USA
praktisch das Monopol auf die Kritik an dem verbrecherischen Regime in
Bagdad
überlassen, sich nicht nur taktisch unklug verhalten, sondern auch
unglaubwürdig machen.
Die Aussage auf der Kundgebung, wonach hinter Sharon die Banken und
Konzerne
stünden, die mit Israels Hilfe "die Region unter ihre Herrschaft
bekommen wollen" bedient
nicht nur das typisch antisemitische Denkmuster, wonach „das
Finanzkapital“ hinter den
Juden steht. Sie suggeriert auch, dass die Nahost-Region derzeit so
etwas wie eine
„kapitalismusfreie Zone“ sei, die sich der Imperialismus erst
unterwerfen müsse. Hier ist
nicht der Raum, um auf eine derartige „Kapitalismusanalyse“ näher
einzugehen. Wir
möchten jedoch anhand des Beispiels erneut auf die gute Verträglichkeit
von Pseudo-
Kapitalismuskritik und Antisemitismus verweisen.
Positiv aufgefallen an der Stellungnahme des Palästina-Komitees ist
uns, dass in ihr nicht
von „Völkern“ die Rede ist. Ganz im Gegensatz zur Kundgebung übrigens,
wo es davon nur
so gewimmelt hat, sei es das palästinensische, das afghanische, das
irakische oder seien es
gleich gar „die Völker der Welt“, die beschworen wurden. Wir halten es
für eigenartig, wenn
zwar jedeR deutsche Linke kapiert hat, dass vom "deutschen Volk" zu
reden irgendwie nicht
geht, aber für so manche Linke und Friedensbewegte bereits ein paar
hundert Kilometer
weiter weg das große Reich der "Völker" beginnt, der unterdrückten, der
ausgebeuteten, der
wissenden, der leidenden, der spürenden, der kämpfenden usw. usf.
Uns geht es um Menschen, wo es um Völker geht, wird uns schlecht.
„Völker“ sind alles
andere als Subjekte von Emanzipation, sie sind reaktionäre
Zwangsgemeinschaften, die
ihrer "Führer" ebenso bedürfen, wie derer, die "nicht dazugehören", um
sich zu konstituieren.
Oft genug gründen sie sich auf Blut und Boden, besonders ekelhaft im
Falle Deutschlands.
Soll es zu menschlicher Emanzipation kommen, so müssen die „Völker“ aus
dem Leben und
in die Geschichtsbücher verbannt werden. Wie sich das konkret abspielen
könnte, darüber
lässt sich heute nur spekulieren. Aber nach Auschwitz steht eine
gewisse Reihenfolge fest:
das erste „Volk“, das von der Bühne abzutreten hat, ist das deutsche,
das letzte das
jüdische.


