Rede bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer der organisierten Deutschtümelei


Warum ich heute hier bin
Hallo erst einmal an alle Anwesenden. Schön, dass sie hergefunden haben. Trotz des miesen Wetters. Wir haben leider keinen Festsaal im Schloss für uns, sondern nur diese nasse Ecke hier draußen. Trotzdem befinde ich mich hier in besserer Gesellschaft als im Schloss.
Anlass für die Kundgebung ist die offizielle Feier zum 60. Jahrestag der „Charta der Heimatvertriebenen“. Der Grund für meinen Protest ist aber die Verbandspolitik des „Bundes der Vertriebenen“ - kurz BdV – allgemein.
Auch ich habe mich heute aufgemacht um an dieser Kundgebung teilzunehmen und meinen Protest zu äußern. Warum? Das Thema scheint doch sehr vergangenheitslastig, ja viele meinen es hätte sich schon erledigt. Dem ist leider nicht so. Sonst wäre ich zu Hause geblieben. Es gibt für mich aber verschiedene Gründe heute hier zu sein.

Ich bin heute hier als kritischer Historiker
Inzwischen haben viele Institutionen ihre Nazi-Vergangenheit erforscht bzw. erforschen lassen müssen. Beim Bund der Vertriebenen steht das noch aus. Man mag ihm das kaum verdenken, denn der BdV hat etliche Funktionäre mit brauner Vergangenheit im Keller.
Gerade die Unterzeichner der „Charta der Heimatvertriebenen“ waren fast durchweg alte Nazis. Dass diese Leute fünf Jahre nach der militärischen Niederlage Nazi-Deutschlands großmütig auf „Rache verzichten“, wie es in der Charta heißt, war schon damals ein Skandal. Dass dieser „Verzicht“ heute immer noch bei der Feierlichkeit im Schloss als große Leistung dargestellt wird, ist ein noch größerer Skandal. Es muss ausdrücklich betont werden: Die Charta ist KEIN Dokument der Versöhnung, sonder ein Dokument der puren Arroganz, formuliert und unterschrieben mehrheitlich von Nazi-Tätern.
In der Charta ist übrigens auch ausdrücklich die Forderung nach einem „Recht auf Heimat“ enthalten, d.h. in der bis heute gültigen Charta wird die Frage der Grenzen offengehalten. Denn nichts anderes ist mit „Recht auf Heimat“ gemeint. Es geht nicht um das individuelle Recht zu leben wo man möchte, sondern um eine Unterhöhlung, der im Potsdamer Abkommen festgelegten Nachkriegsgrenzen. Nicht ohne Grund wurde die Charta ja aus einer Demonstration gegen das Potsdamer Abkommen an dessen fünften Jahrestag am 6. August 1950 heraus vor 150.000 Demonstranten verkündet.
Auch die Aktivitäten der ausgesiedelten und vertriebenen deutschsprachigen Minderheiten vor 1945, die der BdV heute zu vertreten beansprucht, werden nirgendwo in kritisch historischer Weise reflektiert. Diese Minderheiten nahmen mehrheitlich die Rolle einer fünften Kolonne Nazi-Deutschlands ein. Statt sich in den demokratischen Vielvölkerstaat der Tschechoslowakischen Republik einzubringen zog es die deutschsprachige Bevölkerung, die so genannten „Sudetendeutschen“, der CSSR vor, sich mit übergroßer Mehrheit dem nationalsozialistischen Deutschland anzudienen und anzuschließen. Als fünfte Kolonne leisteten die „Sudetendeutschen“ damit den wichtigsten Beitrag zur Zerschlagung der CSSR. So führten die Paramilitärs des „Sudetendeutschen Freikorps“, einer Formation mit zeitweise bis zu 40.000 Mann führten 1938 von Deutschland aus einen Guerillakrieg, um die Situation im Sinne Nazi-Deutschlands anzuheizen.

Ich bin heute hier als Kosmopolit und Antinationalist
Auch wenn der Bund der Vertriebenen sich manchmal als Organisation der Völkerverständigung darstellt, in Wahrheit ist er alles andere als das. Angeführt wird der BdV seit 1998 von Erika Steinbach, einer CDU-Bundestagsabgeordneten, die noch 1990 im Bundestag der Oder-Neiße-Grenze die Anerkennung verweigerte. Wie bitteschön soll ein Verband, dessen Vorsitzende, nicht einmal die Grenzen zu Polen anerkennt, etwas zur Verständigung mit Deutschlands Nachbarn beitragen? Der Bund der Vertriebenen sorgt in Polen und Tschechien für Ärger, Unmut und Ängste. Der BdV ist ein Hindernis bei der grenzübergreifenden Verständigung.
Die Landsmannschaften im BdV inszenieren sich bis heute als so genannte „Volksgruppe im Exil“, die für sich beanspruchen ihre ehemalige Heimatregion zu vertreten und versuchen sich immer wieder in die inneren Angelegenheiten der Nachbarstaaten einzumischen. Dabei fungieren deutsche Politiker, auf die massiv Einfluss genommen wird, als Instrumentarium des BdV. Besonders stark ist dieser Einfluss in der bayrischen Staatskanzlei. Nicht ohne Grund sind bayerische Ministerpräsidenten noch nie zu einem offiziellen Besuch in Prag gewesen.
Heute hat sich im BdV die politische Zielsetzung tatsächlich etwas verschoben. Statt der Grenzfrage fokussieren starke Teile des „Bundes der Vertriebenen“ die Eigentumsfrage. Die berühmtberüchtigten ostelbischen Junker versuchen über europäische Entscheidungs-Gremien wie den Europäischen Gerichtshof ihre alten Schlösser und Güter zurückzuerhalten. Auch das sorgt natürlich für Ärger in Deutschlands Nachbarländern.
Doch es geht nicht nur um die Verbandspolitik an sich, sondern auch darum wie das vom BdV vorgetragene Selbstbild der deutschen Vertriebenen als Opfer mit dem aktuellen deutschen Nationalismus zusammenfindet. Die Deutschen versuchen sich heutzutage als Nation von Opfern zu inszenieren. Opfer von Hitler, Vertreibung oder den alliierten Bombardierungen. Das blendet schnell aus, wer hier der Täter war, nämlich Deutschland. Deutschland führte und ermöglichte einen Krieg, der weltweit über 55 Millionen Menschenleben forderte. Darunter waren 6 Millionen europäische Juden, deren Leben wegen ihrer puren Existenz in gezielter Weise ausgelöscht wurde. Erst aus der von Deutschland entfesselten Gewalt heraus entstand die Situation, die Flucht und Vertreibung auslöste, bei der es auch zu Grausamkeiten kam. Es geht also auch um eine nationale deutsche Opferstilisierung in latenter Konkurrenz zu den Opfern der Deutschen zwischen 1933 und 1945.

Ich bin heute hier als Antifaschist
Diesen Februar gelang es in Dresden den größten Nazi-Aufmarsch Europas durch Blockaden zu stoppen. Ein Erfolg, der durch die Medien ging. Dieser Aufmarsch wird jährlich angemeldet von der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ - kurz JLO. Was leider nirgendwo erwähnt wird ist, dass diese JLO früher „Junge Landsmannschaft Ostpreußen“ hieß und lange Zeit die offizielle Jugendorganisation der „Ostpreußischen Landsmannschaft“, einer Untergruppe im BdV. Erst als die Skandale über die neonazistischen Tendenzen in der JLO publik wurden, trennte sich die „Ostpreußischen Landsmannschaft“ von ihrer eigen Jugendorganisation. Doch die Trennung war nicht vollständig. Auf ihrer Homepage kündigte die JLO für den Mai dieses Jahr ein gemeinsames Osterlager mit der „Schlesischen Jugend“. Die „Schlesischen Jugend“ ist bis heute die offizielle Jugendorganisation der „Landsmannschaft Schlesien“, ebenfalls Teil des BdV.
Nicht nur in seinen Jugendgruppen, sondern auch in den Organisationen der Älteren weist der „Bund der Vertriebenen“ einen braune Rand auf. Ein Beispiel dafür wäre Paul Latussek. Paul Latussek war von 1992 bis 2001 Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen. Dieser trieb sich schon länger in allerhand rechten Ecken herum. Zum Skandal wurde seine braune Einstellung aber erst als er am 9. November 2001, dem Jahrestag der Novemberpogrome 1938 eine Rede hielt, in der er u.a. von einer „bewusst betriebenen einseitigen Kollektivschuldzuweisung gegenüber unserem Volke“ sprach und die Tötung von Juden in Auschwitz verharmloste. Danach musste Latussek den BdV-Vorstand verlassen. Aber nicht wegen inhaltlicher Probleme der Verbandsführung mit seiner Rede, sondern wegen verbandsschädigendes Verhalten.
Viele weitere Beispiele könnte ich noch nennen, verzichte aber aus Zeitgründen darauf. Es sei aber noch einmal darauf hingewiesen, dass diese ganzen Umtriebe stark aus staatlichen Mitteln finanziert werden.

Aus diesen Fakten folgen für mich drei Forderungen:
1. Die kritische Durchleuchtung der Vergangenheit des BdV und seiner Funktionäre durch ein unabhängiges Gruppe von Wissenschaftlern!
2. Außerkraftsetzung der „Charta der Heimatvertriebenen“!!
3. Stopp der Finanzierung des „Bundes der Vertriebenen“ aus staatlichen Mitteln!!!

Ich danke Ihnen dafür, dass sie gekommen sind. In Zeiten, in denen sich die Deutschen als Nation von Opfern neu entdecken ist es wichtig, dass es eine Stimme der Vernunft gibt, die nicht schweigt.